Vitamin D bei Darmkrebs

| Autor: Dr. rer. medic. Harald Stephan

Calcitriol oder Vitamin D3 ist streng genommen kein Vitamin, sondern ein hochwirksames Hormon. Es beeinflusst nicht nur den Calcium- und Phosphathaushalt und damit die Gesundheit der Knochen, sondern reguliert eine Vielzahl von Genen, die Wachstum, Differenzierung und Überleben von Zellen steuern – auch von Krebszellen, wie neuere Studien zeigen. Insbesondere bei Darmkrebs gibt es deutliche Hinweise, dass Vitamin D eine vorbeugende Wirkung hat und das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt.

Arzt Patient zum D3 Mangel

Gespräch Arzt Patient zum D3 Mangel Copyright: alexraths bigstockphoto

Je niedriger der Vitamin D-Blutwert, desto höher das Krebsrisiko?

Fall-Kontroll-Studien zeigen, dass höhere Vitamin D3-Werte mit weniger Fällen von Dickdarmkrebs (Coloncarcinom), Polypenbildung und besseren Überlebenschancen der Krebspatienten einhergehen. In Tiermodellen konnte man durch die zusätzliche Verabreichung von Vitamin D eine Verringerung des Darmkrebs-Risikos um 50 Prozent erreichen.

Wie dieser Effekt zustande kommt, ist noch nicht genau geklärt, er dürfte aber mit dem Gleichgewicht aus Wachstum und Zelltod im Darmepithel und mit Entzündungsreaktionen zu tun haben.

Das Wichtigste auf einen Blick!

  1. Vitamin D ist ein Hormon, das die Ablesung zahlreicher Gene steuert. Diese beeinflussen Wachstum, Differenzierung und Überleben von Zellen.
  2. Geraten diese Vorgänge in Unordnung, wachsen Zellen unkontrolliert, fallen auf ein primitives Entwicklungsstadium zurück und entziehen sich dem natürlichen Zelltod.
  3. Vitamin D ist an diesen Vorgängen maßgeblich beteiligt. Insbesondere bei Darmkrebs sprechen klinische Studien für eine vorbeugende Wirkung.
  4. Wichtig ist hier vor allem die Kontrolle des Gleichgewichts im Epithelgewebe und von Entzündungsreaktionen einschließlich ihrer Vorstufen.
  5. Bisher nicht belegt ist ein positiver Effekt hoher Vitamin D-Spiegel bei anderen Krebsarten wie Brustkrebs, Prostatakrebs oder Magenkrebs.

Vitamin D kontrolliert das Wachstum des Darmepithels

Vitamin D sorgt für ein ausgewogenes Gewebegleichgewicht und verhindert Entzündungsreaktionen – beides wirkt Darmkrebs entgegen.

Das Darmepithel gehört zu den am schnellsten wachsenden Geweben des Menschen. Daher leiden Patienten unter Chemotherapie, die Zellen im Wachstum tötet, an Übelkeit, Durchfällen und Erbrechen.

Die normale Homöostase sieht vor, dass ebenso viele Zellen neu gebildet werden wie absterben. Gerät dieses empfindliche Gleichgewicht außer Kontrolle, wuchern Zellen unkontrolliert und bilden einen Tumor. Einer der wichtigsten Stoffwechselwege, auf den Vitamin D Einfluss nimmt, ist der Wnt/β-Catenin-Signalweg. In über 90 Prozent der Fälle von Darmkrebs ist er nachhaltig gestört.

Im Darm verhindert Vitamin D Entzündungsreaktionen

Eine große Rolle bei der Entstehung von Darmkrebs spielen Entzündungsreaktionen. Treten sie in einem Epithelgewebe auf, begünstigt das die Entstehung von Krebs. Magenschleimhautentzündungen führen zu Magenkrebs, die chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gehen mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko einher.

Eine ausgeprägte Entzündung ist für die Entartung von Zellen nicht notwendig – es reicht ein „proinflammatorisches Milieu„, quasi eine Vorstufe, bei der verstärkt weiße Blutkörperchen patrouillieren und sich um die Beseitigung von Zelltrümmern kümmern. Hierfür ist insbesondere der NF-κB-Signalweg wichtig, in dem Vitamin D eine entscheidende regulatorische Rolle spielt.

Wie hoch sollte der Vitamin D-Blutwert sein?

Vitamin D ist fettlöslich, sodass es sich im körpereigenen Fettgewebe ansammelt. Was als Speicher gedacht ist, kann bei einer Überversorgung zu schweren gesundheitlichen Problemen führen. Mit Sonnenlicht braucht man sich davor nicht zu fürchten, aber mit Nahrungsergänzungspräparaten sollte man vorsichtig umgehen und sich unbedingt an die Dosierungsempfehlungen halten.

Entscheidend ist der Vitamin D-Spiegel im Blut. Gemessen wird hier das 25-Hydroxy-Vitamin D oder Calcidiol. Einen guten Richtwert sollten die Blutwerte bei Menschen in der Nähe des Äquators liefern, wo es an Sonnenlicht nicht mangelt und man von einem physiologisch sinnvollen Vitamin D-Spiegel ausgehen kann: Bei den Jägern und Sammlern in Tansania fand man durchschnittlich 115 Nanomol Vitamin D2 pro Liter (nmol/l).

Vorsichtshalber empfehlen Stellen wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung oder das Bundesamt für Risikobewertung aktuell einen Vitamin D-Spiegel von 50 nmol/l .

Weitere Untersuchungen sind notwendig

Immerhin: Sogar die mit Gesundheitsvorsagen extrem vorsichtige Deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht von „…Risikoreduktion für Dickdarmkrebs mit steigenden 25(OH)D [Anm.: Calcidiol] -Serumwerten… Die Evidenz für einen risikosenkenden Effekt hoher 25(OH)D-Serumwerte wird daher momentan als möglich eingestuft.

Letztere Bemerkung soll darauf hinweisen, dass ungeachtet der ermutigenden Befunde weitere klinische Studien über den Zusammenhang von Vitamin D und vermindertem Darmkrebsrisiko dringend notwendig sind, um die Wirksamkeit wissenschaftlich noch besser zu belegen.

Wichtig sind solche Studien vor allem bei anderen Krebserkrankungen: Entgegen anderslautender Meldungen besteht nach aktueller Studienlage kein Zusammenhang zwischen Vitamin D-Spiegel/-versorgung und Brustkrebs, Prostatakrebs oder Tumoren von Speiseröhre, Magen, Nieren, Eierstöcken oder Non-Hodgkin-Lymphomen.

Sogar in krassem Gegensatz dazu steht ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs bei extrem hohem Vitamin D-Spiegel im Blut – die Vorsicht der DGE und ein maßvoller Umgang mit Vitamin D-Präparaten ist also durchaus angebracht.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

⏱ Letzte Aktualisierung am von Anna Nilsson, Medizinjournalistin

Autorenprofil

Dr. rer. medic. Harald Stephan Fach-/Wissenschaftsredakteur

Dr. rer. medic. Harald Stephan ist Naturwissenschaftler mit medizinischer Promotion und als Autor und Fach-/Wissenschaftsredakteur tätig..

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